Ein Jahrhundert - zwei Jahrgänge: Die Abiturjahrgänge 1905 und 2005


Eine Schule, ein Ziel, aber die Unterschiede könnten wohl kaum größer sein, stellt man die Abiturienten des Jahres 1905 den Kollegiaten des Jahrgangs 2005 gegenüber:



(von links stehend) Kasimir Hopf, Friedrich Kohl, Karl Mantel, Theodor Heyl, Hermann Arnold, Georg Heinle, Heinrich Hermann, Herman Kessler, Hans Buchfelder, (Couleurdiener Hammer), Joseph Haas (von links sitzend) Otto Schneider, Georg Spengler, Franz Rüth, Hugo Schlereth, Karl Lauter, Karl Weichlein


Schärpe und Schläger, Oberforstmeister und Regierungsrat

Aus Lohr verabschiedet und somit „in die Freizeit entlassen“ wurden vor 100 Jahren nicht, wie oft fälschlich angenommen, 18 oder 17 Abiturienten, sondern genau 16, nachdem ein Schüler während des Jahres ausgetreten war und einer das Jahr wiederholen musste. Wenngleich die Zahlen sich von denen 2005 erheblich unterscheiden, scheinen die Probleme und Hoffnungen doch die gleichen gewesen zu sein. Unterschiede finden sich dagegen vor allem in der Selbstdarstellung des jeweiligen Abiturjahrgangs und den Berufswünschen. Diese Wünsche für die eigene Zukunft der Abiturienten beschränkten sich vornehmlich auf die „klassischen“ Studiengänge. Aus diesem Grund wollten sich drei der katholischen Theologie, dem Forstfache, zwei der Jurisprudenz, der Medizin und jeweils einer der Chemie und dem Ingenieurfach widmen. Außerdem wurden von drei Abiturienten Berufe im „Kameralfache“ und von einem eine Stellung im Zollwesen angestrebt. Immerhin wurden von diesem Jahrgang H. Arnold, H. Heinrich und K. Mantel Oberforstmeister, während H. Kessler und F. Rüth als Studienprofessoren tätig waren. Des Weiteren agierte H. Buchfelder als Dekan und G. Heinle als Regierungsrat. O. Schneider arbeitete schließlich als Rechtsanwalt und H. Theodor als Augenarzt. Somit stimmen die angestrebten Ziele und die erreichten Berufsfelder weitgehend überein.

(Nach: Vera Stinzing, Facharbeit 2005)


Mal sehen. Schauen wir mal.

25 männliche Abiturienten, die Unterschiede scheinen gar nicht einmal so groß zu sein. Betrachtet man jedoch die Gesamtzahl der Kollegstufe 2002/2005, so wird der große Unterschied zu 1905 doch deutlich. 55 Schüler sind im Mai 2005 ins Abitur gegangen und somit dominiert im 21. Jahrhundert im Abschlussjahrgang das weibliche Geschlecht. Ein Geschlecht, dem 1905 weder die Fähigkeit noch das Recht auf eine höhere Bildung zugesprochen wurde.

 

Die Abiturienten 2005 sind: German Bernhart, Philippe Bürkel, Kristin Czakai, Clemens Drechsler, Peter Elsesser, Annika Friedel, Elisabeth Fuchs, Michaela Goldberg, Sebastian Grimm, Andreas Haas, Frederik Hahmann, Olga Hamma, Selina Handel, Dominique Hart, Julian Hauptmann, Elke Helfrich, Michael Herrmann, Sophie Hof, Judith Hofmann, Sonja Hubl, David Karl, Katharina Kestel, Anna-Lena Köhler, Linda Kossack, Florian Leusser, Markus Menke, Simon Mergler, Julian Meßner, Iris Mock, Michael Nachtrab, Eva Nätscher, Christoph Oswald, Carmen Parisi, Sonja Reder, Cornelius Riedmann, Victoria Riedmann, Bernhard Schaupp, Agnes Scherer, Florian Scherg, Christian Schrott, Andreas Siegler, Selina Siegler, Franziska Spahn, Eva Stadler, Thekla Stahl, Vera Stinzing, Maren Strauß, Steffen Suhrborg, Isabella Urlaub, Dominik Vogt, Nicholas Weigand-Suminski, Mirjam Weis, Pascal Wenzel, Sarah Weyer, Julia Winter.

 

Nostalgische Gefühle mag so manch älterer Betrachter bekommen, wenn er dieses Bild mit dem oberen vergleicht. Während die Selbstdarstellung im Bild von 1905 für Begriffe und Werte wie Disziplin, Strenge, Ordnung, Ehre (Burschenschaften) und Ernst steht, zeigen sich in der Abbildung des Jahrgangs 2005 ganz andere Lebenseinstellungen und -stile: Individualität, Freiheit, Lässigkeit und Spaß, aber auch Selbstbewusstsein und Offenheit. Man mag dem einen nachtrauern und das andere als zu oberflächlich ablehnen, Tatsache ist aber, dass die heutige Generation ganz anderen Herausforderungen gegenübersteht und sich eine sichere, lebenslange Zukunft kaum noch planen lässt. So unterscheiden sich auch die Aussagen zu den Zukunfts- und Berufsplänen. Häufig hört man noch wenige Wochen vor dem Abitur Aussagen wie „Mal sehen. Vielleicht studieren. Warten wir ab.“ Abwarten müssen letztlich alle, die ohnehin noch Zivil- oder Wehrdienst abzuleisten haben, aber auch die, die von Eingangsbeschränkungen an den Universitäten und Fachhochschulen abhängig sind. Es ist aber wohl nicht unwahrscheinlich, dass auch in 100 Jahren wieder von erfolgreichen Juristen, Medizinern, Regierungsräten und Studienräten aus dem Jahrgang 2005 berichtet wird. Und wer weiß, welche Werte und Lebenseinstellungen dann in das Bild von 2005 hineininterpretiert werden.

Schule als „Werkstatt für die Zukunft“

Mit Ministerialrat Dr. Krimm und Minister Sinner sprachen bei der Abiturientenverabschiedung zwei ehemalige Schüler aus Lohr. Etwas Besonderes zu feiern gab es am Freitagabend am Franz-Ludwig-von-Erthal-Gymnasium: die Verabschiedung des 100. Abiturjahrgangs. Ministerialrat Dr. Stefan Krimm vom Bayerischen Kultusministerium widmete sich dabei der Frage, ob die Schule ausreichend auf das Leben vorbereitet. Der Ministerialbeamte machte sein Abitur 1968 am Lohrer Erthal-Gymnasium, das damals noch nicht diesen Namen trug, und sagte Schulleiter Dr. Helmut Fath auf dessen Anfrage spontan zu, die Festrede zu halten – 37 Jahre, nachdem er bei seiner eigenen Verabschiedung die Rede für die Abiturklasse gehalten hatte. Bildung der Zukunft hat nach seinen Worten „mehr mit Fragenlernen als mit Stofflernen zu tun.“ Das Gymnasium müsse fächerübergreifend arbeiten und die Anlagen seiner Schüler noch ernster nehmen. Auf die stärkere individuelle Förderung des Einzelnen habe man in Bayern bei der Einführung des achtstufigen Gymnasiums mit den Intensivierungsstunden Wert gelegt. Ziel sei die „gut organisierte Verbindung der Welt mit der eigenen Persönlichkeit.“ Weiterhin müsse das Gymnasium sich nach außen öffnen und die „Verbindung von Klassenzimmer und Praxis“ suchen. Die abgeschiedene „Gelehrtenschule“ sei schon lange nicht mehr das Leitbild. Das Gymnasium müsse die Persönlichkeit der Schüler bilden – in Anlehnung an Friedrich Schiller sprach Krimm von einer „ästhetischen Bildung“ – und dürfe keine „Fachidioten“ heranziehen. Dafür bräuchten die Schüler Vorbilder, darunter auch die Lehrer. Der Beamte aus dem Kultusministerium ließ die Lehrer aus seiner Lohrer Gymnasialzeit noch einmal Revue passieren: „Das waren Lehrer, die uns als Persönlichkeiten ernst genommen haben und gerade deshalb Leistungen und Anstrengungen abverlangen konnten.“

 

Keine „Fertigungsstraße“

Krimm hoffte, dass die Gymnasialzeit für die Schüler eine „Werkstatt für die Zukunft“ war. Es sei besser, wenn die Schule eine Werkstatt sei als eine „reibungslose Fertigungsstraße“. „Wenn Sie die Abiturzeugnisse kriegen, geht es erst richtig los“, meinte Europaminister Eberhard Sinner, der 1963 am Lohrer Gymnasium seinen Abschluss machte. Die Welt warte auf die Abiturienten, „lassen Sie sie nicht warten“. Die Schulabgänger hätten „wunderbare Chancen“. Europa habe Werte „und wir haben eine gute Wirtschaft“. Mit seinen fast 500 Millionen Verbrauchern sei Europa die Lösung, um nicht „untergebuttert“ zu werden, erklärte der Minister.

„Wovor haben wir in Deutschland eigentlich Angst?“, fragte sich Sinner. Die Abiturienten sollten Optimismus zeigen und auch Risiken auf sich nehmen. Wer immer nur Angst habe, auf die Nase zu fallen, „wird immer am Boden kriechen.“

Landrat Armin Grein erinnerte daran, dass sich seit dem ersten Abitur in Lohr 1905 nicht nur das Schulgebäude verändert habe, sondern auch die Ansichten. Der Rohrstock sein kein „pädagogisch wertvolles Hilfsmittel“ mehr und die Verabschiedung sei lockerer und bunter. Es sei wichtig, dass sich die Dinge veränderten, „sonst würden wir immer auf der gleichen Stelle bleiben.“ Grein hoffte, dass die Abiturienten trotz der im „Abi-Streik“ geäußerten Kritik gerne auf ihre Schulzeit zurückblicken.

Kommunizieren und Präsentieren

Dr. Helmut Fath verwies darauf, dass die Abituria 2005 als erster Jahrgang von der Umstellung des Gymnasiums auf acht Jahre betroffen sei, zwar nicht organisatorisch, aber inhaltlich. Denn mit dem G8 sei auch eine Änderung in der Schulordnung verbunden. Die Fähigkeit zum Kommunizieren und zum Präsentieren, Schlüsselqualifikationen in der modernen Gesellschaft also, seien zum ersten Mal bewertet worden. Mit der außerordentlich erfolgreichen Präsentation der Facharbeiten – die Schule musste die Ausstellung sogar verlängern, weil andere Schulen sie besuchen wollten – hätten die Schülerinnen und Schüler „ganz still eine kleine Revolution in den Lerninhalten und –methoden des Gymnasiums eingeleitet.“ Sie verbänden nach 99 Abiturjahrgängen die lange Erfolgsgeschichte des Gymnasiums mit neuen, erfolgreichen Reformschritten in die moderne Gesellschaft. Als Vertreter des Elternbeirats sagte Ulrich Englert in seinem Grußwort, die Schulabgänger könnten „mit Stolz auf einen gelungenen Lebensabschnitt zurückblicken.“ Die Überreichung der Abiturzeugnisse bedeute einen Neubeginn. Von jetzt an sei nicht mehr alles klar geregelt wie an der Schule. Die Schülerinnen und Schüler seien dabei, „ein wohl geordnetes System gegen die große Freiheit einzutauschen“. Sie sollten sich nicht vom weit verbreiteten Pessimismus anstecken lassen. Außerdem appellierte Englert an sie, ehrenamtliches Engagement zu zeigen. Für die musikalische Begleitung der feierlichen Verabschiedung sorgte wieder die Nägelsee-Bigband unter der Leitung von Adolf Amend.

(Lohrer Echo vom 25.06.05, Thomas Josef Möhler)

 

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