Erinnerungen eines alten Lohrer Gymnasiasten


 

Von Studienprofessor i.R. Kessler


Orchesterprobe im Festsaal des Aloysianums, der für Feierlichkeiten des Gymnasiums oft genutzt wurde




Sub specie aeternitatis betrachtet ist ein halbes Jahrhundert sicherlich eine winzige Zeitspanne. Aber was haben wir Überlebende, die wir um die Jahrhundertwende die Bänke des Pennals drückten, alles miterleben müssen: Die schöne sorglose Vorkriegszeit, zwei blutige Weltkriege, Hunger, Entbehrungen, Enttäuschungen, Zusammenbruch unseres Staates, fast zu viel für ein Menschenleben. Wenn wir heute auf unser Pennälerleben und das, was einst war, zurückblicken, so mutet uns vieles wie ein Märchen an.

Wenn wir damals in der 9. Klasse um die Erlaubnis für einen Tanzkurs gebeten hätten, wären wir mit Entrüstung abgewiesen worden. Glücklicherweise hatte unser damaliger Turnlehrer, Hauptlehrer Heider, mit uns ein Einsehen. 
Er brachte uns im Turnen Tänze wie Polka, Mazurka und Walzer bei.

Das erste Abitur in Lohr war ein großes Ereignis, an dem die ganze Stadt lebhaften Anteil nahm. Wir 15 Abiturienten waren die Helden des Tages. Damals glaubten wir, das Schwierigste geschafft zu haben und einer gesicherten Zukunft entgegensehen zu können. Doch es sollte ganz anders kommen. Die politische Entwicklung führte zu den zwei Katastrophen, die das deutsche Volk in die tiefste Erniedrigung und das tiefste Elend brachten. In vielen Dingen haben wir uns gänzlich umstellen müssen, materiell und seelisch, aber in unserer geistigen Grundhaltung sind wir doch die Alten geblieben. Wir haben den Sinn für das Wahre, Schöne und Gute zu erhalten gewusst, und das, glaube ich, verdanken wir doch in erster Linie der geistigen Grundlage, die uns unsere Bildungsstätte, das Gymnasium Lohr, im entscheidenden Stadium der jugendlichen Entwicklung ins Leben mitgab.


Von Oberstudienrat a. D. Georg Ledermann


Typische Lernsituation in den Studiensälen des Aloysianums


 

 

 

 

 

 

Wenn meine Gedanken so auf Reisen gehen, dann halten sie oft auch Einkehr in einem unterfränkischen Städtchen, in welches mich ein guter Stern vor vielen Jahren führte. Es war zu Beginn der Osterferien 1910. (…)

Und dann kam der Tag, an welchem ich dem neuen Ziel entgegenfuhr. Schon von Gemünden ab stand ich in fiebernder Ungeduld am Fenster des dahinrollenden Zuges, und als sich nun der anmutige Talkessel von Lohr auftat, umstellt von einem weitgespannten Kranze waldgekrönter Berge und durchzogen von den geruhsamen Fluten des Mainstromes, da ward mir froh ums Herz und ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass ich mich an diesem gottesgesegneten Erdenfleck gut eingewöhnen würde. Begreiflicher Weise drängte es mich, gleich nach dem Mittagessen die Stätte zu sehen, die von jetzt ab mein Arbeitsfeld werden sollte. Als ich von der Allee her in die Gärtnerstraße einbog, war der Blick auf das stattliche Gymnasium eine freudige Überraschung. Das war freilich etwas anderes als das alte Ludwigsgymnasium in München, wo ich meine Assistentenjahre verbracht hatte: dort ein hässlicher Steinkasten, eingezwängt in eine schmale Seitengasse hinter der Michaelskirche, abgeschlossen von Luft und Licht, und hier ein neuerbautes Studienheim, erhöht und frei gelegen, so dass es nach allen Seiten eine glänzende Aussicht bietet. Lange ruhte mein Auge mit Wohlgefallen auf dem stolzen Bau, dann dachte ich an den Rat, den mir der Kronenwirt beim Mittagessen gegeben hatte, und ich wählte als erstes Wanderziel im Frankenland Mariabuchen. Durch die Propyläen von Lohr, wie man damals noch das stehende Hirtentor scherzweise nannte, wandte ich mich der Mainbrücke zu und von da ging`s auf lauschigen Waldpfaden zu der idyllisch gelegenen Wallfahrtskirche, wo ich den frommen Sinn des Frankenvolkes kennen lernte; denn viele stille Beter knieten vor dem Altar der Gnadenmutter. Nach kurzer Einkehr in der Buchenmühle nahm ich den Rückweg durch das friedlich ruhige

Steinbachtal, und als ich hochbefriedigt von der schönen Frühjahrswanderung wieder ins Städtchen einzog, ging eben mein Einstandstag in Lohr zur Neige, der mir in allen Einzelheiten heute noch so fest und treu in der Erinnerung steht, als wäre es erst gestern gewesen.

Schwere Zeiten brachte der Erste Weltkrieg. Am 14. Juni 1914 schlossen sich, wie alljährlich, die Pforten des Gymnasiums und ferienfroh eilten unsere Schüler nach einem arbeitsreichen Jahr der Heimat zu. Auf den Erwachsenen aber lag damals bereits wie ein Alpdruck die bange Sorge, die Schüsse von Sarajewo, denen der österreichische Thronfolger und seine Gemahlin zum Opfer gefallen waren, könnten das erste Wetterleuchten des Kriegsgewitters gewesen sein, das schon lange Gefahr drohend am politischen Himmel stand. Schon während der Ferien nahm das blutige Völkerringen seinen Anfang. Die große Zeit fand eine begeisterte Jugend. Namentlich die älteren Jahrgänge unserer Schüler waren Feuer und Flamme. Manche konnten die Stunde kaum erwarten, die sie zu den Fahnen rief.


Erinnerungen eines alten Lohrer Gymnasiasten

Von Zahnarzt Dr. Oskar Schecher

Im Jahre 1915, dem zweiten Jahre des 1. Weltkrieges, öffneten sich meiner Wenigkeit und 35 Mitschülern die Pforten des humanistischen Gymnasiums.

Was bereits einem kleinen Pennäler auffallen musste, das waren einerseits die leeren Oberklassen der Anstalt, die noch von vier Schülern der 9. Klasse – darunter der spätere Studienrat Dr. Franz Diehl – und von sieben Schülern der 8. Klasse besucht waren, andererseits das verhältnismäßig hohe Alter des Lehrkörpers, dessen jüngere Vertreter gleich den älteren Schülern unter den Fahnen standen.

Siegesmeldungen waren damals an der Tagesordnung. Für uns Gymnasiasten konnten gar nicht genug Russen gefangen werden, da jeder größere Russenfang uns einen schulfreien Tag einbrachte und so manche Hausarbeit auf das Siegeskonto ging. Der gute Instinkt der Jugend hatte bald herausgefunden, wann wieder ein Sieg schulisch untermauert wurde, so z.B. wenn wintermorgens die Schlöte des Gymnasiums nicht rauchten, da ja das Brennmaterial knapp und teuer war.

Eine kriegsbedingte schulische Einrichtung war eine von allerhöchster Stelle genehmigte Studierstube, die sich im Erdgeschoss neben dem Musiksaal befand und allabendlich während der Wintermonate zur Erledigung der Hausaufgaben für die Stadtschüler zur Verfügung stehen sollte. Da die Stadt Lohr den Segen des elektrischen Lichtes zur damaligen Zeit noch nicht kannte und die städtische Gasbeleuchtung zeit- und leistungsmäßig stark gedrosselt wurde, sollte diese Einrichtung der mangelhaften häuslichen Vorbereitung der Schüler abhelfen und der lichtstärkere Gasstrumpf der Erleuchtung derselben in zweifacher Weise dienen.

Nach dem Zusammenbruch im November 1918 wurde Lohr vorübergehend Garnisonstadt. Zurückmarschierende Truppenteile belegten das Gymnasium, und unser Musentempel hallte als Kaserne wider vom harten Tritt der Knobelbecher. Die Klassenzimmer dienten als Mannschaftsunterkünfte. Die politischen Wirren der ersten Nachkriegsjahre streiften mit ihren Ausläufern auch unser stilles Lohr. In den Apriltagen des Jahres 1919 erlebte Lohr eine dreitägige Räteregierung. (Räteregierungen gab es in Bayern neben Lohr noch in München und in Schweinfurt!). Eine Abteilung von Revolutionären besetzte das Rathaus, übernahm die Verwaltung und verfügte u.a. die Schließung der Schulen.

Ein Blick auf die außerschulischen Freiheiten dürfte ebenfalls interessieren. Die schulische Polizeistunde war für die Oberklassen in den Wintermonaten auf 18 Uhr, für die unteren Klassen auf 17 Uhr festgesetzt; während der übrigen Jahreszeiten mussten die Schüler bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Kontrollen durch den Pedell waren zu gewärtigen. Abendlicher Ausgang mit Wirtschaftsbesuch wurde bei den Oberklassen höchstens alle 14 Tage gewährt, wobei der Antrag 24 Stunden vorher beim Direktorat unter Angabe des Kneiplokals schriftlich eingereicht werden musste. Um elf Uhr hatten sich die Konkneipanten „unverzüglich und auf kürzestem Wege“ (amtliche Wendung) nach Hause zu begeben.

Erinnerungen an die Zeit nach 1945

Egon und Joachim Fuhrmann (Abitur 1948), z.Zt. Speyer (Pfalz)


Das Foto zeigt das schriftliche Religionsabitur 1959 für die katholischen und evangelischen Abiturienten. Aufsichtspersonen: Dr. Franz Mahr und Dekan Ludwig Roth (Foto: Dr. Jobst Gmeiner)



 

Nicht nur für uns, für alle, die wir uns in der Schule trafen, war es ein freudiges Ereignis, als sich am 6. Mai 1946 die Tore der Schule wieder öffneten. Nicht, weil wir, die älteren Klassen, die Schulbank wieder drücken durften, sondern deshalb, weil wir doch noch die Möglichkeit bekamen, einen Schulabschluss zu erreichen, der uns die Ausbildung zu einem gesicherten Beruf in Aussicht stellte. Von unserer Familie trafen wir nur noch die Mutter. Und mit ihr zusammen gab es für uns nur ein Ziel: Mit doppeltem Einsatz an die Arbeit heranzugehen, um das Schicksal zu meistern.

Es war eine bunt zusammengewürfelte Schar, die sich in der Klasse traf. Nur die eine Hälfte hatte schon vorher das Lohrer Gymnasium besucht, die andere war hier gar nicht beheimatet. Wir mussten uns erst kennen lernen. Mit gutem Gewissen können wir jedoch behaupten, dass sich in kurzer Zeit eine harmonische Gemeinschaft bildete. So waren viele unserer einheimischen Klassenkameraden jederzeit bereit, uns, die wir erst eine neue Heimat finden mussten, Stütze zu sein und uns zu helfen. Uns fehlten nicht nur Bücher, Hefte und dergleichen, uns fehlte alles. In der Schule gab es keine Bücher, sie waren im Trubel der Ereignisse am Kriegsende verloren gegangen. Die Lehrer mussten uns den Lehrstoff diktieren.

Der Lehrkörper selbst war bunt zusammengewürfelt. Erst allmählich kristallisierte sich hier eine klare Linie heraus. Dann dürfen wir die Verpflegungsschwierigkeiten nicht vergessen. Durch Erntehilfe, durch Arbeit in den Ferien, musste zusätzliche Verpflegung beschafft werden, um nur einigermaßen den Hunger stillen zu können. Wie manches Mal denken wir noch an das Bild der Schulspeisung zurück, wie die Schüler sich klassenweise anstellten und der Hauswart Lorasch uns einen „Schlag“ in die mitgebrachten Essgeschirre einschöpfte.Aus allen diesen Erlebnissen heraus ist es sehr selbstverständlich, dass sich aus dieser Zahl der Zusammengewürfelten eine feste Gemeinschaft der „Leidensgenossen“ in jeder Hinsicht bildete, eine Gemeinschaft, die ihren Zusammenhalt bis weit über das Abitur hinaus aufrecht erhielt.Was wir uns zu erzählen haben? Es gibt nichts Schöneres als die Erinnerungen an die verübten Till-Eulenspiegeleien, die wir auch in den schweren Nachkriegsjahren nicht verlernt hatten, und an den Humor, den es nicht nur bei Homer, sondern auch bei seinen Lesern gegeben hat. Und dieser Humor hat uns über vieles hinweggeholfen.

 

 Mädchenbildung an der Städtischen Mädchen-Oberschule in Lohr

 

Weihnachten 1948
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

(nach den Erinnerungen von Adele Hauck, geb. Keßler)

 

Noch bis 1947 wurden Bildung und Ausbildung des weiblichen Geschlechts streng von der des männlichen getrennt und so mussten die Mädchen zunächst auf die noch lange danach als „Gänseanum“ bezeichnete Mädchen-Oberschule in Lohr. Die Lebens- und Lernbedingungen waren – nicht nur für Mädchen – zur Zeit des Zweiten Weltkriegs alles andere als einfach und durch die allgemeinen und kriegsbedingten Verhältnisse erschwert.

So unterschied sich der Unterricht nicht nur in den Fächern und Erziehungswerten, er war auch immer wieder durch den Mangel an Unterrichtsmaterialien oder sogar Lehrern geprägt:

„Fünf Fächer von ein und demselben Lehrer: Deutsch, Latein, Geschichte, Erdkunde und das Wahlfach Französisch (monoton und einschläfernd!).“ Die Freude am Unterricht war dennoch groß:

„Ein Beispiel aus dem Fach Musik: Der Musiksaal – so wurde er genannt –war ein fast quadratischer Raum von etwa 6 m in Länge und Breite und von beachtlicher Höhe, ausgestattet mit einem Klavier und einigen landkartenähnlichen Tafeln mit Tonleitern und Tonnamen. Der dreiviertelstündige Musikunterricht erschöpfte sich im Liedersingen, Singen von Kadenzen einiger Grundtonarten und einigen mündlichen theoretischen Unterweisungen. Es gab keine Heftführung und nur mündliche Abfragen. Wir Schülerinnen standen in Choraufstellung im Halbrund. Es gab weder Sitzgelegenheit noch die Möglichkeit zum Mitschreiben. Tonträger oder Tonarchiv waren nicht vorhanden. Trotz all dieser äußeren Widrigkeiten machte mir der Musikunterricht Spaß.“

Ähnliche Erinnerungen, die einen ganz anderen Unterrichts- und Erziehungsstil als heute zeigen, finden sich auch in weiteren „Erinnerungs-Splittern“, die sich bereits auf die Oberschule für Jungen, das Gymnasium, beziehen, das die Mädchen ab 1946 besuchen durften. So finden sich folgende denkwürdige Erinnerungen:

„Mathematik erteilte Professor Baumann. Er diktierte mit stoischer Ruhe seinen Stoff ins Heft. Biologie/Chemie: Professor Kurt Gläßel legte großen Wert auf korrekte Heftführung. Es gab keine Bücher. Wir mussten mitschreiben. Religion: Studienrat Emil Krausert legte größte Sorgfalt auf sein Äußeres und diktierte uns sehr kunstvoll gedrechselte Sätze ins Heft.“

Auch das außerschulische Leben war durch den Krieg geprägt. So war das „Antreten“ bei der Jungmädchengruppe genauso Pflicht wie der Ernteeinsatz in den Sommerferien. Doch auch hier überwiegen die positiven Eindrücke: „Am Nachmittag dann wurden die Rüben einzeln über eine Holzrutsche in den Keller geworfen. Bis so ein voll beladener Rübenwagen leer wurde …!

Abends trafen wir „Üttinger“ (Einsatz in Üttingen) uns jeweils am Dorfplatz, tauschten unsere Tageserlebnisse aus, lachten über die Missverständnisse, die es wegen des Dialekts gab, vergaßen darüber alle Müdigkeit und kamen meist fröhlich wieder in unserem Remlinger Lager an.“

 

 

 

 Wandertag 1953




Wandertag 1956 mit Klassenleiter H. Porzelt

 

 

 

„Allein der Frauen Schicksal ist beklagenswert …“ (nach Edith Diel, geb. Keßler)

 
Ein Zitat, das ironischer kaum gemeint sein kann, wenn man die Erinnerungen der ersten weiblichen Schüler am Lohrer Gymnasium liest. Nachdem die ersten Vorbehalte (vor allem bei den Eltern der Jungen!) ausgeräumt waren, lernten die Mädchen, die lange in deutlicher Unterzahl blieben (1947: 99 Schüler, 2 Schülerinnen), die Vorzüge dieses Ungleichgewichts kennen: „Hier herrschte raue, ehrliche „Kumpelei”, die dann in echte Kameradschaft mündete. Spätestens nach dem Tanzkurs verbreitete sich ein mehr oder weniger deutlich zu verspürendes Gefühl der Ritterlichkeit und in diesem Hochgefühl hätte ich mit niemandem tauschen mögen.“ Die Anfangszeit war jedoch beschwerlich. So musste man sich nicht nur der rauen Männerwelt anpassen, die noch stark von männlicher „Kraftmeierei oder zumindest unbestrittener kräftemäßiger Überlegenheit“ bestimmt war, man musste sich durch allerlei Tricks und Kniffe erst einmal eine Stellung in dieser Welt erkämpfen. „Natürlich hatten wir auch unsere „Trümpfe“. Der Besitz eines Balles war in jenen Tagen etwas Außergewöhnliches. […] So standen sie (die Jungen) denn mit lüsternen Blicken um uns herum, begierig darauf wartend, dass uns der Ball zu Boden fiel – und blitzschnell wurde er zum Fußball, und schon war er in der anderen Ecke des Schulhofs. Ältere Schulkameraden haben mir wiederholt erzählt, dass ich in solchen Situationen selbst große Jungen furchtlos angegriffen habe, unter Einsatz jeder mir zugänglichen „Waffe“. Einmal sollen mir Mozarts in Leder gebundene Klaviersonaten (solide Vorkriegsware) zu besonderer Schlagkraft verholfen haben.“ Auch beim Turnunterricht, der zunächst überhaupt nicht und dann, mit den Jungen, nur auf dem Pausenhof stattfand, musste man als Mädchen seine Vorteile suchen, da Schlagball mit einem Vollgummiball nicht selten zu Schmerzen führte. So wurde man schließlich zum „Paktieren“ bewegt: „Lieferung der lateinischen Hausaufgaben gegen Verschonung vor allzu gemeinen Bällen.“ Die Gängeleien der männlichen Mitschüler wurden aber nicht nur negativ empfunden. So gehörte es zur „täglichen Kraftübung“, die Schülerinnen auf die hohen Schränke im Klassenzimmer zu hieven. Geheult wurde dabei nicht, aber so manche Schulstunde wurde – bei einem weniger aufmerksamen Lehrer – dadurch deutlich abwechslungsreicher. „Die Schule war kein Platz für Zimperliesen. Andererseits haben wir Phänomene wie Eifersüchteleien, Intrigen, Neid, Gehässigkeit, die gelegentlich in Mädchenklassen anzutreffen sind, nie kennen gelernt. […] Ich bin sehr dankbar für diese Lebensschule.“

Angesichts der männlichen Überlegenheit (zumindest der quantitativen und körperlichen) wurde das Fehlen des Sportunterrichts von vielen Schülerinnen der damaligen Zeit als besonders schwer wiegend empfunden. Noch 1950 gab es maximal vier bis fünf Mädchen pro Klasse, die bis 1954 auf einen eigenen Sportunterricht warten mussten. Bis dahin war Improvisation gefragt:

„ […] manchmal einen Weitsprung oder einen Hochsprung-Versuch über eine gespannte Schnur, natürlich so angezogen, wie wir in der Schule saßen, also mit Straßenschuhen und Rock angetan. Ich schämte mich fast zu Tode, als mir einmal der Rock beim Weitsprung über den Kopf flog und mein rosaroter Unterrock sichtbar wurde.“

Schließlich wurden die Sportmöglichkeiten noch durch einen Faustball erweitert, der in jeder freien Minute auf dem Schulhof genutzt wurde. Diese Ballspiele waren aber nicht bei allen beliebt:

„Nur unser Religionslehrer, Herr Dr. Mahr, wollte uns die Ballspiele ausreden. Er hielt diesen rohen Sport nicht für sehr „weiblich“ und für unsere Rolle als künftige Mütter nicht empfehlenswert.“ Nach einer Elternunterschriftenaktion begann dann 1954 schließlich doch der reguläre Sportunterricht für Mädchen mitten im Schuljahr, auch wenn dazu extra eine Lehrerin aus Aschaffenburg kommen musste und nur die Sportmöglichkeiten des „Gänseanums” zur Verfügung standen. Hier blieben besonders der Rundlauf, eine Art Kettenkarussell zum Anhängen, und die Aschenbahn in Erinnerung, die nicht selten die Fahrschülerinnen leicht angeschwärzt auf den Heimweg schickte. Ähnlich altertümlich und gewöhnungsbedürftig wie die Sportanlagen war schließlich die Sportbekleidung selbst, da die Mädchen zwar keine Röcke mehr tragen mussten, die dafür vorgegebenen glänzenden Pumphosen aber auch nicht als attraktiver empfanden. Die Kleiderordnung blieb auch im sonstigen Schulalltag noch bestehen, sodass die Schülerinnen lange – außer im Winter die Skihosen – Strümpfe und Röcke trugen, wobei nackte Knie noch vom katholischen Kaplan Emil Krausert als anstößig empfunden wurden.

Neben dem Sportunterricht sind aber noch viele andere Ereignisse denkwürdig. So wurde bereits damals die Faschingsfeier am Gymnasium eingeführt, zu der sogar Lehrer eingeladen waren. Und mit Herrn Kubitza und dem Schulleiter, Herrn Reising, kam es sogar zu revolutionären Neuerungen, wie der Teilnahme der Mädchen am Skikurs in der Rhön oder an Sportfesten. Im Gedächtnis blieb auch die Anmeldung beim Übertritt ans Gymnasium, bei der noch jeder Schüler eine Prüfung ablegen musste. Daneben galt es aber auch, sich schon über die zukünftigen Berufswünsche sicher zu sein und man musste unterschreiben, dass man die Absicht habe, das Abitur zu machen. Der Wunsch war eines, die Realisierung ein anderes: „Wenn ich mich recht erinnere, waren wir 44 Prüflinge (bei der Anmeldung), neun davon Mäd
chen. Einige schafften die Prüfung nicht, und recht bald waren wir noch drei Mädchen in einer auch sonst sehr dezimierten Schülerschar: Beim Abitur waren wir 17 Schülerinnen und Schüler, obwohl wir Wiederholer und neue Aloysianer dazubekommen hatten.“ Wie wichtig es war, sich für die Zukunft durchzusetzen, zeigte sich auch nochim Abiturjahrgang 1959: „Wir wurden nicht mit Samthandschuhen angefasst, wir waren geduldet. Aber es wurde zunehmend besser und 1959 fühlten wir uns nach dem Abitur beinahe als gleichberechtigt, was sich leider in der Uni dann als Fehleinschätzung herausstellte.“ Dennoch gilt auch hier die Gesamteinschätzung: „Jedenfalls waren die Mittel in diesen Jahren oft dürftig, aber unsere Begeisterung war groß, und ich denke gern an die Zeit zurück!“

  Abiturfahrt 1956 und Faschingsdienstag 1956 mit Englischlehrerin Frau Lindner                                                                                                                                       

  

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